Carnage

Alles beginnt mit einem kleinen Wörtchen: Alan (Christoph Waltz) und Nancy Cowan (Kate Winslet) sind nicht der Meinung, ihr Sohn Zachary wäre mit einem Stock „bewaffnet“ gewesen, als er Ethan, den Sohn von Michael (John C. Reilly) und Penelope Longstreet (Jodie Foster) verdroschen hat. Viel mehr trug er den Stock bei sich.

Die mehr oder weniger besorgten Eltern treffen sich also, um wie vernünftige Erwachsene ein – man möchte meinen – lösbares Problem anzugehen. Und obwohl der Zuschauer früh ahnt, dass vor allem Nancy und Penelope am liebsten ihre Krallen ausfahren würden, geht es zunächst sehr gesittet zu. Sicher sind alle ein bisschen wütend, dass Alan ununterbrochen am Telefon seine Geschäfte erledigt, anstatt sich um den Anlass des Treffens zu kümmern; ebenso wenig kann Nancy verstehen, wie Michael einfach den Hamster der Familie auf die Straße setzen und ihn damit bibbernd in den Tod schicken konnte; doch man lächelt freundlich, isst gemeinsam Kuchen und versucht, den Anstand zu bewahren.

Doch dann wird Nancy übel, sie übergibt sich über den Wohnzimmertisch der Longstreets und ruiniert die präsentabel ausgelegten Kunstbände von Penelope. Von nun an wird sich auch verbal ausgekotzt, es kommt zum Duell der Eltern, bald zum Kampf an vier Fronten. Längst geht es nicht mehr um die Kinder. Vor allem als der Alkohol ins Spiel kommt, fallen alle Masken, Brüche in der ach so spießigen Ehe kommen zum Vorschein, und der Zuschauer hat einen Heidenspaß. Der Gott des Gemetzels hat zugeschlagen.

Alan, Nancy, Michael und Penelope – alle sind sie schreckliche Menschen: Gerade Penelope interessiert sich nicht nur für Kunst und schreibt über den Darfur-Konflikt; sie verachtet auch alle, die ihr nicht gleichtun. Sie suhlt sich in ihrem Gutmenschentum und kämpft auf völlig humorfreie Weise für die Gerechtigkeit eines jeden Erdbewohners – vor allem für die ihres Sohnes. Die anderen pfeifen auf Gerechtigkeit, sind angewidert vom Mief ihres Mittelstandslebens und legen doch größten Wert darauf, dieses zu bewahren.

Roman Polanskis (Rosemary’s Baby, The Tenant, ChinatownThe Ghostwriter) Verfilmung des französischen Theaterstückes Le Dieu du Carnage bietet für seine vier Darsteller einiges an Material. Den größten Spaß hat das Publikum wohl mit Christoph Waltz (Inglourious Basterds), der die reinste Freude am Streiten zu haben scheint. Kate Winslet (Eternal Sunshine Of The Spotless Mind, Revolutionary RoadContagion) ist die Verachtung zu Beginn ins Gesicht gemeißelt, später torkelt sie genüsslich durch den Film. Jodie Foster (The Silence Of The Lambs) und John C. Reilly (Boogie Nights, Magnolia) fallen dagegen leicht ab und sind vor allem im angetrunkenen Zustand nur noch bedingt glaubhaft.

So schön wie in Carnage wurde wohl seit Who’s Afraid Of Virginia Woolf? nicht mehr auf der Kinoleinwand gestritten. Dass der Anlass die reinste Banalität ist, macht einerseits den Witz des Films aus, erstickt aber auch jede charakterliche Tiefe, die nicht nur Satire ist, im Keim. Doch das macht nichts: Wenn Eltern wieder zu Kindern werden, die sich am liebsten mit Stöcken bewaffnet verprügeln würden, hat man als Zuschauer trotzdem den größten Spaß.

8/10

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